Kategorien
Theater

Interview mit Manuel Krstanovic vom Boulevardtheater – THE NEW MIXTAPE – Premiere

Am 24. Oktober ist es so weit – Die Premiere von THE NEW MIXTAPE im Boulevardtheater Dresden. Dann präsentieren die sechs beliebtesten Schauspieler aus dem aktuellen Bühnenprogramm ihre persönlichen Lieblingssongs. Die Zuschauer erwartet ein Überraschungskonzert, bei dem nicht mal die Darsteller genau wissen, was passieren wird. Das Publikum darf sich bei der Premiere auf Andreas Köhler, Katharina Eirich, Volkmar Leif Gilbert, Stefanie Bock, Manuel Krstanovic und Volker Zack als Spezial-Gast freuen. Unterstützt werden sie von de Dresdner Band „Funky Beats“. Manuel Krstanovic gab uns mit einem kleinen Interview einen Vorgeschmack auf das Stück.

1. Wie sind Sie zum Boulevardtheater gekommen?

Das Team vom Boulevardtheater Dresden und ich waren schon einige Jahre vor der Entstehung dieses Theaters in der Maternistraße im ehemaligen „Wechselbad der Gefühle“ in Kontakt. Es gab immer wieder Anfragen, die ich aufgrund anderer Engagements nie wahrnehmen konnte. Als das Theater dann offiziell eröffnete, ergab sich zufällig ein Zeitfenster. Ich sah nach, was in der Zeit geplant war, und rief dort an. Nach einem kurzen Vorsprechen vor dem Regisseur Jürgen Mai – es war für seine Inszenierung „Herr Doktor, die Kanüle klemmt“ – stand schnell fest, dass wir zusammenarbeiten werden. Drei Jahre später gehöre ich selbst zum festen Team des Boulevardtheaters.

2. Was gefällt Ihnen am meisten, wenn Sie auf der Bühne sind?

Dass es trotz harter Arbeit immer wieder aufs Neue Spaß macht. Teamgeist, tolle Kollegen, eine große Nähe zum Publikum und das Ziel, den Zuschauern gemeinsam einen tollen Abend zu bereiten mit Geschichten, die sie zum Lachen, Nachdenken und Mitfeiern bewegen, machen aus dem Beruf etwas Größeres als schlicht die Arbeit. Es macht auf beiden Seiten gleich viel Spaß. Und das macht mich glücklich, wenn ich abends nach der Vorstellung nach Hause gehe.

3. Haben Sie neben dem Job auch noch genug Zeit für Familie, Freunde und Hobbys?

Zeit ist ein relativer Begriff. Das Schöne an der Familie ist, wenn man sich sieht, knüpft man genau da an, wo man aufgehört hat, als man sich das letzte Mal gesehen hat. So verhält es sich auch mit wahren Freunden. Und ebenso mit den Hobbys. Die Liebe zu Personen und zu Dingen, die man gerne sieht und tut, wird doch nicht weniger, nur weil mir manchmal etwas weniger Zeit dafür bleibt. Entscheidend ist die Art des Umgangs miteinander.

4. Was ist Ihr persönliches Lieblingsstück am Boulevardtheater &und warum?

Am liebsten spiele ich immer noch die Zwillinge Axel und Alex Löchler in „Herr Doktor, die Kanüle klemmt“. Vielleicht gerade, weil es das erste Stück war, dass ich dort geprobt habe. Also sind es wohl sentimentale Gründe, die mich diese Wahl treffen lassen.

5. Haben Sie vor jedem Auftritt Lampenfieber?

Ja und Nein. Eine gewisse Aufgeregtheit ist immer da. Auch wenn man vielleicht oft hintereinander ein- und dasselbe Stück spielt, ist jede Vorstellung anders, die Zuschauer sind anders, die eigene Verfassung ist anders. Das macht jeden Abend spannend. Richtiges Lampenfieber habe ich manchmal vor Premieren, bei denen ich noch nicht weiß, wie es den meisten Zuschauern gefällt.

6. Am 24.10. ist die Premiere von ,,The New Mixtape“. Wie ist es für Sie, unter den sechs beliebtesten Schauspielern des Boulevardtheaters zu stehen?

Ich freue mich auf das Format. Ich sehe es weniger als ein Präsentieren der beliebtesten Schauspieler des Boulevardtheaters, als ein „Schauspieler des Boulevardtheaters singen für Ihre Zuschauer“ in lockerer Atmosphäre.

7. Was können die Zuschauer von „The New Mixtape“ erwarten?

Vielleicht hat man als Zuschauer die Chance, den einen oder anderen Darsteller mal etwas anders kennen zu lernen, ohne eine Rolle, die meist nur einen Teil des Wesens ausmacht.

 

 

Beitrag von Lisanne Richter und Melina Israel

Beitragsbild: Boulevardtheater

Kategorien
Theater

Von fremder Nachbarschaft und fremder Nähe. Eröffnung des „Kinder- und Jugend-Theaterfestival Wildwechsel“ im Theater Junge Generation

Nachbarschaft. Das klingt nach Gemeinschaft. Nach Nähe. Nach Hilfsbereitschaft. Aber meistens kennen wir unsere Nachbarn nicht. Eigentlich denken wir auch nicht groß über sie nach. Nur eben dann, wenn sie akustisch auffallen. Oder merkwürdig auffallen. Weil sie etwas tun, was uns fremd ist. Etwas wozu uns der Bezug fehlt. Dann werden wir misstrauisch, schätzen die Anonymität und gehen – ob bewusst oder unbewusst – womöglich sogar auf Distanz.

Kategorien
Theater

Wie man sich seines ungeliebten Nachbars entledigt – Hexenjagd im Schauspielhaus

Das Schauspielhaus läutet die Saison 2017/2018 unter seinem neuen Intendanten Joachim Klement ein. Mit dem letzten lauen Sommerlüftchen strömten am 29.09. zahlreiche Besucherinnen und Besucher in die Altstadt, um auf den Stühlen des Schauspielhauses Platz zu nehmen und für die knapp 3-stündige Vorstellung von Hexenjagd eine bequeme Sitzposition zu finden.

Wen die drei Stunden Sitzfleischtraining einschüchtern, dem sei vorweg gesagt, dass es sich durchaus lohnt. Mit Hexenjagd holt das Theater einen Klassiker zurück auf die Bühne, dem – obwohl es vor mehr als 70 Jahren geschrieben wurde – immer noch eine brisante Aktualität innewohnt. Regisseur Stephan Rottkamp inszeniert Arthur Millers Tragödie um ein kleines Dorf im amerikanischen Massachusetts Ende des 17. Jahrhunderts mit viel Fingerspitzengefühl und einem guten Gespür für das Tempo der Geschichte.

Foto: Sebastian Hoppe

Hexenjagd handelt von einer Gruppe junger Mädchen, die nachts im Wald beim Tanzen von Reverend Parris überrascht wird. In Zeiten, in denen die Puritaner die Region bevölkerten und deren Glaube an ein Leben mit harter Arbeit ohne Vergnügen bestand – ein Skandal. Als wäre der Tanz allein nicht schon Sünde genug, wacht die Tochter des Reverends aus einer scheinbar apathischen Trance nicht wieder auf. Hexerei? Der Geistliche fürchtet um seinen Ruf. Einzig seine Nichte Abigail äußert sich verhalten zu dem Vorfall. Aus Angst vor Strafe spricht sie schließlich laut aus, was ihr zuvor bereits so viele in den Mund gelegt haben: Die Mädchen wurden Opfer von Hexerei. So klagt sie zunächst drei Unschuldige an, um sich selbst vor möglichen Konsequenzen zu retten. Ihre anfängliche Angst wandelt sich zunehmends in Gefallen und sie beginnt, ihre Macht auszunutzen. Nach und nach landen immer mehr Menschen auf Geheiß Abigails im Gefängnis. Die einzige Chance auf Überleben besteht für die Angeklagten darin, zu gestehen und weitere Namen preiszugeben. Die Beschuldigung der Hexerei wird letztlich dafür missbraucht, um sich an ungeliebten Nachbarn zu rächen. Motive wie Neid, Eifersucht und Besitzgier prägen die Entscheidungen der Angeklagten. Der Zuschauer wird zum stillen Zeugen, wie eine ganze Stadt nach und nach ihren Verstand verliert. An einer Stelle des Stücks stellt der Farmer Thomas Putnam fest: „Sie wollen wissen, was in Salem los ist? Rache. Nichts als Rache.“

Foto: Sebastian Hoppe

Die Angst vor den Gefahren der Fremde ist nicht nur heute ein brisantes Thema. Als Arthur Miller das Stück 1953 schrieb, wurden in den USA Kommunisten sowie deren Befürworter rigoros verfolgt und verhaftet. In der Bevölkerung brach eine regelrechte Hysterie aus, die auch als McCarthy-Ära in die Geschichte einging, benannt nach dem damaligen US-Senator Joseph McCarthy. In Hexenjagd verarbeitet Miller die Gefühle der Angst und Hilflosigkeit sowie den gesellschaftlichen Wandel, den er zu dieser Zeit durchlebte. Der Dramatiker selbst wurde zu einem Jahr Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt, weil er sich weigerte, Namen kommunistischer Kollegen zu nennen. Das Stück basiert auf tatsächlichen Ereignissen: Ausgehend von den Gerichtsakten zu den Hexenprozessen von Salem im Jahre 1692, die ihn so stark an seine aktuelle Situation erinnerten, entwickelte Arthur Miller Figuren und Geschichte.

Dank eines gut durchdachten Bühnenbilds (Robert Schweer) sowie schlichten, darauf abgepassten Kostümen (Esther Geremus) ergibt sich ein stimmiges Bild, das es dem Zuschauer leicht macht, sich in eben jene Zeit hineinzuversetzen.

Foto: Sebastian Hoppe

Vor allem aber überzeugt das Stück durch sein starkes Ensemble: Neben altbekannten Bühnengewalten wie Ahmad Mesghara als habgierigen Farmer und Anna-Katharina Muck als von Trauer zerfressene Mutter begeistern vor allem die Neuzugänge Oliver Simon (Reverend Parris) und Ursula Hobmair als Teufel mit Engelsgesicht (Abigail Williams). Auch wenn der Sinneswandel Abigails mitunter nicht immer sofort nachvollziehbar ist, so überzeugt vor allem die intensive Darstellung der Hass-Liebe zwischen der 17-Jährigen Williams und dem etwa doppelt so alten John Proctor (Matthias Reichwald), mit dem sie einst eine unerfüllte Affäre hatte und den sie nun ins Verderben stürzt. Zwischen Hobmair und Reichwald knisterte es mitunter so stark, dass man sich Sorgen um das auf der Bühne verteilte Holz macht.

Alles in allem handelt es sich bei Hexenjagd um einen gelungenen Auftakt, der neugierig auf kommende Stücke sowie weitere Neuzugänge des Schauspielhauses macht.

Text: Nicole Cruschwitz

Fotos: Sebastian Hoppe

Kategorien
Allgemein Tanz und Theater

Inarow – Festival der go plastic company im Festspielhaus Hellerau.

Männer vor Hintergründen. Bilder, Fotografien. Ein nackter Körper flimmert über alte Röhrenfernseher, formt Posen aus historischen Gemälden  und wird in zahlreichen Spiegeln reflektiert. Es laufen Kurzfilme und Notizen und Zeichnungen aus den Planungsphasen verschiedener Aufführungen liegen zwischen Fotos und Einzelteilen einer Barbie. Ruhe. Es ist Freitag 18:30 Uhr, das Festspielhaus gähnt. Nur wenige Gäste durchstöbern die kleinen Ausstellungen der Assoziierten Künstler der go plastic company in den sonst selten frequentierten Räumlichkeiten des Ost und West Flügels. Es ist das Rahmenprogramm des Inarow Festivals, später am Abend wird es noch Performances und eine Hauptveranstaltung geben, doch noch obsiegt die Ruhe.

Assoziierte Künstler der go plastic company, das sind Freunde und Bekannte der freien Tanzszene aus dem Dunstkreis um Cindy Hammer und Susan Schubert welche seit 2012 gemeinsam die künstlerische Leitung der Company übernehmen. Seit dem Frühling 2016 zählen sie selbst zu den assoziierten Künstler*Innen in Hellerau und genossen so eine gewisse Narrenfreiheit für ihre Inszenierungen, was, wie Susan mir sagte: „großartig ist um den Dresdnern zu zeigen was alles so möglich ist“. Sie freut sich über die Ehre in diesem wunderbaren Haus und auf seiner riesigen Spielwiese agieren zu dürfen. Assoziierte Künstler – das klingt ein wenig nach Vettern Wirtschaft, doch so ist das in der freien Szene – Vernetzung ist wichtig, national und international. So kommen viele verschiedene Künstler aus den unterschiedlichsten Bereichen der darstellenden Künste zusammen und schaffen so den Facettenreichtum von dem go plastic lebt. Zeitgenössisch und urban wollen sie sein, sagen Cindy und Susan in einem Interview, sie seien geprägt von Architektur, Film und MTV.

Die Fühler weit über die Landesgrenzen zu verteilen, macht das gemeinsame Arbeiten zu einer Herausforderung. Manche der Künstler*Innen leben nicht einmal in Europa. Es mussten Methoden entwickelt werden weit voneinander entfernt gemeinsam an etwas zu arbeiten. Denn alle an einen Ort zu bringen ist ein enormer Verwaltungsaufwand und macht einen Großteil der Arbeit von Cindy und Susan aus. Trotz der kollektivartigen Strukturen obliegt ihnen noch die Leitung. Die Ideen entstehen zu meist in ihren Köpfen und werden dann recht bald an den engeren Kreis getragen. Die Ideen werfen Fragen auf und diese Fragen werden verarbeitet zu Interviews, zu Fragebögen. Meist existiert bereits eine Vorstellung der Wunsch Besetzung und so werden die Fragen verteilt, sowohl an die Darsteller*Innen, als auch an das Team und enge Freunde. Die gegebenen Antworten führen zum Diskurs und so wird erstes Material generiert. Was nun als Text, Assoziation, Gedankenfetzen oder Gespräch vorliegt wird zu ersten Improvisations-Aufgaben weiter verarbeitet und mit den Tänzern in Bewegungen verwandelt. Teils geben Susan und Cindy nur einen Rahmen vor, welchen die Tänzer*Innen frei füllen können, teils haben sie konkrete Vorstellungen und erst wenn diese übernommen sind vergeben die Tänzer*innen eine persönliche Note.

Am heutigen Abend werde ich eine Mixtur aus den drei bislang auf diese Weise entstandenen Stücken sehen. Doch zunächst schweife ich weiter durch die Ausstellungen des Rahmenprogramms. Die Wände der oberen Gänge in Ost und Westflügel zieren Portraits sämtlicher am Festival beteiligter Künstler, sowie Bilder von Aufführungen und aus dem Probenprozess. Da ich bald schon einen Blick in jeden Raum geworfen habe lasse ich mich draußen auf der Treppe des mächtigen Gebäudes nieder, wo die Projektoren auf Dunkelheit warten um die Fassade mit Zebrastreifen zu mustern. Ich schaue den Menschen beim Rauchen zu und habe das Gefühl fast ausschließlich von der Dresdner Tanz- und Theaterwelt umgeben zu sein. Und dann ist da noch dieser Typ. In Badeanzug samt Kappe und Taucherbrille steht er in einem Turm aus Autoreifen und vollführt Schwimmbewegungen. Hin und wieder taucht er ab. Über dem riesigen Strahler, welcher ihn durch eine gelbe Folie hindurch beleuchtet, sehe ich das Flimmern der Hitze.

Pailletten auf Rollschuhen geistern zwischen Friz- Limo und Apple Endgeräten herum durch das sich füllende Foyer. 20 Uhr. Eine kurze Ansprache samt Erinnerung an das erste Stück von Cindy in Hellerau. Damals vor immerhin 7 Jahren noch frische Palucca Absolventin besetzt sie heute das gesamte Haus. Applaus. Das Publikum wird zweigeteilt in eine grüne und eine gelbe Gruppe. Fehlende Aufkleber sorgen für Verwirrung, aber alles läuft zum Ende. „Ist das orange?“ Der Zwiespalt schlicht den Raumgrößen geschuldet. Nun beginnt der Versuch 3 Stücke zu verbinden. Inarow. Wie auf einem Flugfeld werden wir in Position gewiesen: „Stay close“

Die drei Stücke haben je ein Filmgenre zum Vorbild und setzen sich mit dessen Klischees und Machtbildern auseinander werde ich später erfahren. Für mich bestehen zunächst nur Körper, Licht Bewegung und Techno. Sowie sprachliche Wiederholungen und der Typ mit der Nazi Attitüde, der zwischen den beiden Räumen wechselt. Im Krimi ist er eine Art herrschender Zuhälter und im Western ein Feind den es zu vertreiben gilt. Nach blinkenden Stöckelschuhen und einigen Runden Skateboard fahren ist der Stamm noch nicht zerhackt als sich die Türen öffnen, die beiden Räume verbinden und Wasser verteilt wird. „share me“. Nun suchen wir uns Plätze im großen Saal. Der weite Bühnenraum gefüllt mit einigen geometrischen Figuren und Emporen. Sci-Fi.

Foto: Klaus Gigga

Viele Darsteller vollführen eine präzise Choreographie so weit im Raum verteilt, dass sich das Auge entscheiden muss, welcher Geschichte es nun folgt. Dazu zahlreiche Projektionen in allen Bühnen Bereichen. Trotz klarer Strukturen eine visuelle Überforderung. Neon Röhren trennen einen schmalen vorderen Bereich vom Rest der Bühne. Hier befindet sich eine Art zweite Ebene in welcher an einem Schreibtisch eine Darstellerin und ein Darsteller eine Art Machtspiel vollführen, ihre Rollen tauschen und bis in alle Ewigkeit Zahlen in die Schreibmaschine tippen. Wieder Techno. Um was es hier geht das darf den Künstlern nach jeder selbst entscheiden. Nicht verstehen gibt es nicht. Der Gesamt Eindruck zählt und der ist ziemlich überwältigend. Am Ende ein Monolog mit dem Rat eine Entscheidung zu treffen zwischen Nehmen und Geben. Langer Applaus. Im Foyer warten zwei Musiker am Rücken verbunden. Der eine beugt sich nach vorn und hebt somit den Anderen, auf seinem Höhepunkt zupft dieser eine Seite der elektrischen Gitarre. Ich muss nach draußen. Zu viel Pathos steckte in diesem letzten Text und doch war er berührend. Besonders die Emotionen der vortragenden Tänzerin waren mitreißend – noch beim verbeugen rang sie mit den Tränen, war ergriffen und mitgenommen von dem selbst erschaffenen Zustand – beeindruckend.


Jetzt ist mehr los im Haus. Tanz und Performance. An allen Ecken ist etwas los. Menschen in regen Gesprächen. Ein historisches Tanzerbe wird gefeiert und durch die zwischenzeitliche Stille im Raum entsteht trotz einfacher Bewegungen eine gefasste Spannung. Anderswo: Zwei Männer, mal bekleidet, mal nackt, werfen, reiben, pressen ihre schwitzenden Körper an mit Kohlestaub überzogene weiße Wände. Schemenhaft verbleiben weiß, grau ihre Abdrücke und sie selbst werden immer schwärzer. Action Noir. Fotografieren erwünscht – sendet die entstandenen Bilder an…
Während dessen wird weiter unten getanzt, gespielt, gesungen und geschrien. Ein Liebespaar vollführt Kunststücke zwischen totaler Gelassenheit und intensiven Gefühlsausbrüchen. Artistisch, klangvoll, witzig, berührend.
Während die Türen am Haupteingang Stück für Stück verschlossen werden wird weiter hinten noch getanzt. Tanzende Tänzer ein fröhlicher Anblick, doch ich bin müde und fahre nach Haus. Der Weg mit dem Fahrrad ist noch weit und diese Zeilen wollen geschrieben werden. Morgen werde ich wieder kommen, gespannt was mich erwartet.

Text und Fotos: Vinzenz Buhl

Pressefotos Hellerau: Klaus Gigga

Kategorien
Allgemein Film Kunst Musik Tanz und Theater Theater

Kulturgeflüster kuratiert im September

Jeden Monat stellen wir euch unsere Highlights in der Kulturlandschaft Dresden vor. Dieses Video ist auf dem Redaktionstreffen im Alaunpark entstanden.

Klick dich durch zu unseren Kultur Tipps

2. September: Floor on fire in Hellerau

6. September: Lesung Firas Alshater im Kulturpalast

8. und 9. September: Festival in a row im Festspielhaus Hellerau

9. September Power Flower und Radiophon im Sachsenkeller Meissen

Homepage von Power Flower 

Radiophon

10. September: Balkan Beats – Musik aus Osteuropa in der Martin Luther Kirche

21. – 24. September: Theaterfestival Wildwechsel im theater junge generation 

27. September: Voodoo Jürgen im Beatpol

29. September: Chuckamuck im Ostpol

 

 

Kategorien
Allgemein Theater

Heute in zwanzig Jahren – Ibrahim Amirs Komödie Homohalal im Kleinen Haus

Dresden im Jahr 2037: In der tolerantesten Stadt Europas herrscht ein interkulturelles Miteinander – Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religionen leben friedlich zusammen, Rassisten versinken in Depressionen und Lutz Bachmann trifft sich wöchentlich im Hammām mit seinen muslimischen Freunden. Das Stück Homohalal  baut auf der Begegnung von fünf Freunden auf, die sich aufgrund eines unerwarteten Ereignisses wiedertreffen. Gemeinsam werfen sie einen Blick zurück aus der Zukunft auf ihren Weg der letzten 20 Jahre – auf Integration mit „Mensch ärgere Dich nicht“ und Nachhilfe im Kapitalismus mithilfe von Monopoly. Trotz der überspitzten Darstellung bleibt die Eindringlichkeit des Inhaltes und der Appell an das Publikum nicht aus. Etwa zur Hälfte des Stückes wird aus Humor und Sarkasmus Wut und Ernst. Eine Wendung, die Gänsehaut hinterlässt.

Mit seiner bissigen Komödie greift der syrisch-kurdische Autor Ibrahim Amir Klischees und Vorurteile auf und hält der Gesellschaft einen Spiegel vors Gesicht: ironisch, durchdacht und unbequem.
Dass das Staatsschauspiel ein Stück mit dieser Problematik in eine so polarisierte Stadt wie Dresden holt ist gewagt, aber notwendig. Tatsächlich sollte Homohalal ursprünglich am Volkstheater in Wien uraufgeführt werden. Bedenken bezüglich politischer Korrektheit ließen die Aufführung des Stückes kurz vor der Premiere platzen. Zwei Jahre lang hat Ibrahim Amir den Inhalt gemeinsam mit Geflüchteten und Aktivisten erarbeitet. Fast ein weiteres Jahr arbeitete der Autor anschließend mit dem Staatsschauspiel Dresden zusammen, um das Stück in seiner jetzigen Form auf die Bühne zu bringen.

Homohalal beeindruckt in seinen knapp 90 Minuten vor allem mit der Reflektiertheit, mit der an komplexe Themen wie Familie und Sexualität  aus der Sicht unterschiedlicher Kulturen herangegangen wird.  Doch nicht nur inhaltlich stimmt es auf der Bühne: Mit viel Charme leitet Rouni Mustafa, der bereits in Morgenland und Romeo und Julia zu sehen war, das Stück ein und erzählt als Geflüchteter seine persönliche Geschichte. Seine Authentizität gibt dem Zuschauer das Gefühl, das es in Ordnung ist, sich mit ihm auf diese Reise durch das Stück zu begeben und trotz allen Ernstes auch mal darüber zu lachen zu können. Ebenfalls sehr gelungen sind die Darstellungen von Holger Bülow als Syrer Abdul mit sächsischem Dialekt und einer wie immer wunderbaren Anna-Katharina Muck als überengagierte Integrationshelferin.

Homohalal lässt den Zuschauer mit dem Wunsch zurück, dass ein kleines Stück der anfänglichen Utopie doch bleiben könnte. Dass man in zwanzig Jahren mit einem Kopfschütteln auf die Angst vor Fremden zurückschaut und die Toleranz gegenüber Religionen und fremden Kulturen in Deutschland genauso selbstverständlich ist, wie der Anblick von Socken in Sandalen im Sommer.

Die letzte Chance, das Stück zu sehen, gibt es am Sonntag, den 11.06.  Für beide Veranstaltungen um 16:00 und 20:00 Uhr gibt es noch Karten.

Text: Nicole Cruschwitz

Kategorien
Allgemein Tanz und Theater

Extinction of a Minor Species – Dresden Frankfurt Dance Company in Hellerau

Die Dresden Frankfurt Dance Company ist wieder zu Gast. Nach der Uraufführung in Frankfurt läuft das Stück „Extinction of a Minor Species“ nun im Europäischen Haus der Künste – Dresden Hellerau. Noch bis zum 5. Juni gibt es Aufführungen zu sehen. Wir waren da und erzählen von unseren Eindrücken (4 Minuten)

Der Hörbeitrag mit Pressefotos von Dominik Mentzos (DFDC):

Text und Produktion: Meike Krauß

Fotos: Dominik Mentzos (Press Photos DFDC)

Kategorien
Allgemein Theater

Gastbeitrag Theaternetz: Ein Gespräch mit Andreas Posthoff

Theaternetz ist ein junger Kulturjournalismus aus Stuttgart. Während wir die breite Kulturlandschaft in Dresden abbilden konzentriert sich Theaternetz ganz auf die Theaterlandschaft in und um Stuttgart. Auch unsere Artikel zum Thema Theater wurden bereits dort veröffentlicht. In ihrer Kategorie Coffe & Cigarettes treffen die Autor*innen von Theaternetz die Menschen hinter der Aufführung. Dieses Mal im Gespräch mit Andreas Posthoff.

Ein smarter Herr der alten Garde

Ihm schmeckt die Sprachästhetik Klabunds ebenso gut wie in Honig marinierte Geflügelleber. Seiner Ansicht nach ist die Menschlichkeit ein unantastbares Gut, bei weitem höher als die Selbstdarstellung. Fernab der Bühne huldigt er dem Müßiggang. Die Muse des Familienmenschen ist der Mensch in aller seiner Facetten.

Der im Jahr 1961 geborene Andreas Posthoff stammt ursprünglich aus Wanne-Eickel im Ruhrgebiet und entdeckte schon in frühen Jugendjahren seine Passion für das Figurieren von Rollen. Diesen Wunsch lehnte seine Mutter allerdings ab, war es doch gerade sein Vater, der dem Berufsbild der Schauspielerei nachging und Posthoffs Mutter nach der Geburt verließ. Vielleicht als Trotzreaktion sah sich Andreas Posthoff dennoch zu dieser Aufgabe prädestiniert und beschloss mit 17 Jahren, zumindest in beruflicher Hinsicht, auf den Spuren seines Vaters zu wandeln. Sein anschließendes Studium absolvierte er in Stuttgart und ist seitdem überwiegend im Württembergischen Raum tätig. So erlebte er in seiner nunmehr 40-jährigen Laufbahn sämtliche Höhen und Tiefen, die mit dem darstellenden Gewerbe verbunden sind.

Heute lebt er zusammen mit seinem Sohn in der Kätchenstadt Heilbronn und ist derzeit Ensemblemitglied auf dem Heilbronner Theaterschiff. Ferner unterrichtet er zudem an lokalen Bildungseinrichtungen und vermittelt schauspielerische Grundlagen.

Jeder Beruf ist eine Berufung

Andreas, du bist nun schon lange im Business – Beruf oder Berufung?

Ich glaube jeder Beruf ist eine Berufung. Ich habe Schreiner und Metaller kennengelernt, egal aus welchem Bereich, die haben ihren Beruf mit einer so großen Leidenschaft ausgeübt, als sie beispielsweise vor ihren Maschinen standen oder sich mit hunderten Holzsorten befassten. Meiner Meinung nach, sollte sich jeder der einen Beruf nachgeht, auch zu diesem berufen fühlen, sonst macht das alles keinen Sinn.

Welche Rollen waren für dich die Ergreifendsten in deiner Karriere?

Ja, da gibt es verschiedene Dinge. Wir haben einmal einen Rückblick auf das 20. Jahrhundert gemacht und da habe ich den Goebbels gesprochen. »Biedermann und die Brandstifter« war für mich eine ganz, ganz wunderbare Geschichte. Wobei ich es natürlich auch sehr gerne mag, wenn die Leute über mich lachen (schmunzelt). Sie müssen nicht immer im Herzen zutiefst gerührt sein, ich schätze die befreiende Geste des Lachens im Publikum ebenso wie die Ergriffenheit.

Wie bereitest du dich auf deine Rollen vor?

Als aller erstes sehe ich – sehen und hören. Wir sitzen gerade in einem Café und nun beobachte ich die Leute, wie sie miteinander kommunizieren und interagieren. Das ist dann für mich immer ein Beispiel, an das ich mich zu erinnern versuche, wenn ich eine Rolle bekomme. Das Gesehene versuche ich im Sprechen und Spielen unterzubekommen. Es heißt ja auch Schauspiel – Schauen und Spielen. Die Leute sind so grandios verschieden, ihre Mimik, ihre Gestik, ihre Bewegungen und die Töne, die sich von sich geben, werden durch Überhöhung auf der Bühne zur Kunstform. Das Tolle am Schauspielen ist ja, dass man nicht nur die Leute zum Vorbild nehmen kann, sondern man kann sich auch mit sämtlichen Thematiken beschäftigen: Kostümkunde, Kulturgeschichte, Furz und Feuerstein (lacht).

Gibt es Rollen die du noch unbedingt verkörpern möchtest?

Ach ja natürlich, also klar den Faust in »Faust«, den täte ich mal ganz gerne spielen, aber meinetwegen auch »Warten auf Godot« und solche Sachen, die interessieren mich brennend und wahnsinnig.

Emotionen auf der Bühne – reine Schimäre oder scheinbar reales Empfinden?

Deswegen nochmal, es heißt ja Schauspieler und nicht Schauseiner. Schau mal, das Leben ist ja auch so bunt. Manchmal ist es tragisch, manchmal ist es heiter. Abends aber da sitzen Leute, die haben einen Haufen Geld bezahlt, haben sich schick gemacht und haben sich verabredet. Die Kunst liegt in der Wiederholung, das heißt, in diesem Augenblick ist der Körper ein Instrument. Worauf es ankommt ist, dass ich unten, in den Zuschauerrängen, Emotionen wecken kann. Was ich oben, auf der Bühne, fühle interessiert keinen. Egal ob ich mich zuvor verliebt habe oder ein Angehöriger verstorben ist. Da sitzen 800 Leute, die interessiert mein innerer Gefühlzustand nicht, die wollen die Verkörperung meiner Rolle sehen und nichts Anderes. Das ist wie beim Musiker der eine Partitur bedient – mit etwas Glück kommt dabei Kunst heraus.

Vor dem Auftritt eine Currywurst

Hast du etwaige Bühnenrituale oder sich stetig wiederholende Abläufe vor einer Vorstellung?

Ich habe es vorher ganz gerne ruhig und gehe so anderthalb Stunden vor der Vorstellung auf die Bühne – schaue und schnuppere. Dann muss ich noch meine Requisiten richten, falls das nicht schon erledigt ist, Text anschauen – normal – und laufe mich ein. Alles im Allem habe ich keine großen Rituale. Zurzeit gönne ich mir vorher noch ganz gerne eine Currywurst (lacht).

Was ist deine Lieblingsanekdote aus deiner Laufbahn, hast du da eine?

Ja, ich habe mal den Peppone, bei »Don Camillo und Peppone« gespielt und beim Lernen des Textes habe ich mir schon gedacht, da musst du aufpassen. Da sagt der Peppone: »Der Pfaffe braucht eine Abreibung«. Was sagt der Posthoff: »Der Pfaffe braucht eine Abtreibung«. Dann dreht sich der Kollege ganz verlegen herum und du merkst in Sekundenbruchteilen: »Oh man was hast du da herausgehauen«… Ich weiß nicht wie viele Leute das gemerkt haben, doch das war einer der Momente, an denen ich mir überlegte, wie wäre es mit einer einsamen Insel und zwar sofort. Aber ich glaube, das kennt jeder Kollege, wenn man sich mal so richtig verhakt. Natürlich kann das passieren, sollte es jedoch nicht, aber später lacht man darüber, obgleich man im Moment am Liebsten im Boden versinken würde. Fehler sind eben menschlich.

Jetzt, da wir bei der Menschlichkeit gelandet sind, ist es interessant zu wissen, wie es mit diesem Werteideal am Theater aussieht?

Wenn wir doch auf der Bühne die Menschlichkeit in all ihrer Vielfalt verkörpern, dann sollten wir diese doch auch im privaten Leben und Berufsalltag beherzigen. Natürlich ist das Theater eine Kunstform mit sehr vielen schrägen und ausgeprägten Charakteren, von daher ist schon einmal eine große Rücksichtnahme erforderlich. Jeder sollte so sein wie er ist, ohne Schwierigkeiten zu bekommen, es sei denn er ermordet jemanden oder wird ansonsten irgendwie handgreiflich (augenzwinkernd). Ein Haus muss meiner Ansicht nach von der Putzfrau bis zum Intendanten auf der menschlichen Ebene funktionieren. Ich denke ihr wisst was ich meine.

Dies entspricht aber sicherlich nicht immer der Realität!?

Korrekt. Es gibt am Theater etliche unauserkorene und auserkorene Eitelkeiten. Manchmal erfordert es schon Langmut und ein großes Maß an Menschlichkeit, um diese Schrullen zu ertragen, wobei mir das meistens gelingt. Ab und an ist es aber auch erforderlich, dass man laut wird und die Hutschen hochziehen muss, aber das ist zum Glück die Ausnahme.

Du bist derzeit Ensemblemitglied auf dem Heilbronner Theaterschiff, was ist die Besonderheit an dieser Spielstätte?

Die Menschlichkeit! (lacht). Es sind aber natürlich auch wunderbare Räumlichkeiten. Die Arbeit macht enorm viel Spaß, wir verstehen uns prima und ich freue mich auf jede Vorstellung. Mit Heinz Kipfer haben wir einen großartigen Intendanten, der seit 20 Jahren dies alles pflegt und erhält, da kann ich nur Chapeau sagen und meinen Hut vor ihm ziehen.

Theater ist immer politisch

Was hältst du von der Politisierung des Theaters?

Zurecht, Theater ist immer politisch.

Sollte dies auch offen gezeigt werden oder metaphorisch verpackt werden?

Solange die Metaphorik erkannt wird ist dies gut. Da ich doch den Eindruck habe, dass dies zu selten der Fall ist, muss man manche Inhalte sehr plakativ äußern um sie klarzustellen. Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs verstanden es die Leute, die im Osten lebten, noch besser Botschaften zwischen den Zeilen zu lesen und zu hören – in Westeuropa war dies immer ein Defizit. Ich wünsche mir wieder mehr Verständnis für die Metaphorik, damit kann man mehr künstlerisch arbeiten und hat mehr Raum für die eigene Kreativität. Gerade die Filme »Danton« und »Nostalghia« stammen aus ebenjener Zeit und wurden trotzdem verstanden, obwohl sie nicht mit der Moralkeule drohen. Auch die Komödie ist politisch, die Leute wollen lachen und sich vom Alltag befreien.

Was ist dein Ausgleich zum Theater?

Mal einen Kaffee trinken, auf dem Sofa liegen, dann fotografiere ich ganz gerne, male, lese und schaue Filme, wenn es die Zeit hergibt. Außerdem habe ich noch meinen Sohn, der »bevatert« werden möchte. Zur Lebensentspannung koche ich, kaufe auf dem Markt ein und halte dort mein Schwätzchen. Was ich nicht so gerne mag sind Steuererklärungen (lacht).

Du arbeitest in vielerlei Hinsicht mit Schülern, was ist das Besondere an dieser Tätigkeit? Gibt es auch Schwierigkeiten Schülern Theater zu vermitteln?

In der Tat hat sich in den letzten 20 Jahren sehr viel verändert. Vor 15 Jahren hatten die Kinder noch mehr Eifer, Kreativität und haben für das gebrannt, was sie faszinierte. Heute erwarten sie bedauerlicherweise oft Befehle, man muss ihnen alles vorkauen – ich vermisse die Eigeninitiative. Die Ursache hierfür liegt auch an unserem Schulwesen – der Raum für eine Selbstentfaltung fehlt. Wir haben mittlerweile wieder Verhältnisse wie zu Zeiten des Kaisers Wilhelm I. Das Denken wird nicht geschult, worauf es ankommt ist letztendlich die gute Note im Endjahreszeugnis. Heutzutage sind wenige bereit zu kämpfen, Kopf und Kragen zu riskieren und sich für eine Sache begeistern zu lassen, auch wenn man mal die eine oder andere Grenzüberschreitung riskieren muss.

Mich freut vor allem, wenn sich der eine oder andere im Unterricht verwandelt und seine ungeahnten Fähigkeiten erkennt. Es sind zudem absolute Glücksmomente, wenn man dann mal einen ehemaligen Schüler als Kollegen wiedertrifft. Insgesamt ist die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aber sehr erfüllend.

Du engagierst dich auch ansonsten im sozialen Bereich. Was sind deine aktuellen Projekte?

Ich bin in einer Pfadfindergilde, obwohl ich eigentlich gar keiner bin. Wir unterstützen Hilfsprojekte in Burkina Faso, beispielsweise eine Krankenstation. Zudem finanziert unsere Organisation den Bau eines zweiten Regenauffangbeckens mit angegliederten Zellen, die dem Anbau von Obst und Gemüse dienen. Dies hilft insbesondere den Frauen und stärkt deren Eigenständigkeit. Weiterhin ermöglichen wir den Kindern den Schulbesuch. Das Besondere ist, dass das Projekt nur in den Bezirken unterstützt wird, in denen Christen und Muslime friedlich zusammenleben – das gibt es auch und es funktioniert blendend.

Gehst du auch privat ins Theater, wenn es die Zeit hergibt?

Relativ selten und nur auf ausdrückliche Empfehlung oder wenn ein befreundeter Kollege auf der Bühne steht.

Das Interview geht noch weiter. Hier bei Theaternetz weiterlesen

Interview und Fotos; Philipp Wolpert und Tobias Frühauf

Kategorien
Tanz und Theater Theater

Mordende Blumenkinder im Festspielhaus Hellerau – „The Manson Family” von John Moran

Ja, jeder kennt sie: Die Faszination des Grauens. Vielleicht ist deswegen die Besucherschlange an der Abendkasse so lang? Einst ein erfolgloser, US-amerikanischer Musiker, hat Charles Manson letztendlich Kultstatus erlangt. Künstler tragen seinen Namen und singen über ihn. Filme stellen das Leben und die mörderischen Taten von Manson und seiner (hauptsächlich weiblichen) Anhänger dar. Ebenso die Oper „The Manson Family”, deren Neufassung im Festspielhaus Hellerau gezeigt wurde.

Die Beatles als apokalyptische Reiter

Im August 1969 tötete die Manson Family sieben Menschen der High Society auf brutale Weise, unter anderem Roman Polanskis Frau Sharon Tate. Anlass dazu gab Mansons eigensinnige, auf Rassismus beruhende Interpretation des Beatles-Songs „Helter Skelter” – zu Deutsch Holterdipolter. Seine apokalyptische Vorstellung: Der Beginn eines Rassenkrieges zwischen Afroamerikanern und Weißen im Jahr 1969 und der Genozid an Schwarzen sowie Weißen der reichen Oberschicht. Unfreiwillig symbolisierten die Beatles so die apokalyptischen Reiter der rassistischen Mordserie der Sekte.

Massenmedien treffen auf Massenmorde

Noch nicht mal am Platz angekommen, sticht dieser riesige, überdimensionale Röhrenfernseher ins Auge. Treppen führen links und rechts an ihm empor, so dass auf dem Apparat eine weitere Bühne entsteht. Direkt hinter dieser Bühne hängt eine weiße Leinwand. Ein Stuhl, wie er auch in einem Gerichtssaal stehen könnte, befindet sich rechts vor dem Fernsehgerät. Massenmedien treffen auf Massenmorde.

 

Im Switchmodus durch den Theaterabend

Die Oper beginnt und nimmt die Zuschauer mit auf eine kurzweilige Reise durch Fragmente der Populärkultur der 1960er Jahre. Ein Theaterbesuch wie ein Fernsehabend im Switchmodus. Über die Leinwand sind wir auf einem Highway unterwegs, auf der TV-Bühne spielt Manson-Mitglied Leslie Van Houten auf ihrer Violine einstimmig zum Hintergrundsound, Sirenen flackern über die Leinwand und durch die Zuschauerränge, im TV wird durch das Programm gezappt – von einer Rede Martin Luther Kings zu einer Musikshow zu Knetfiguren, zurück zu Martin Luther King, weiter zu einem Western, dann ein bisschen Zeichentrick, zurück zur Musikshow, wieder zu Martin Luther King. Staatsanwalt Vincent Bugliosi führt in direkter Publikumsansprache beinahe ausnahmslos auf Englisch (so wie der Prozess auch im Original war) durch’s Programm – Moment, natürlich durch die Anklage. „ I just opened the cases and look what I release.“ Es folgt die Veröffentlichung begangener Morde der Manson Family und deren Hintergründe (Akt 1), Einblick in die labilen Persönlichkeiten der Mitglieder Susan Atkins, Lynette Alice Fromme sowie Charles Manson (Akt 2) und Ausschnitte aus den abschließenden Gerichtsverhandlungen (Akt 3).

Psychedelischer Wahnwitz

In den Kostümen und der schauspielerischen Leistung spiegelt sich der Wahnwitz wieder. Ein Kontrast zwischen tanzenden Menschen in Hippie-Klamotten und rasenden Gestalten in Gefängniskluft. Die fanatischen Sektenmitglieder werden dargestellt durch John Moran (Charles Manson), der das Stück zugleich inszeniert hat, Inez Schaefer (Lynette Alice Fromme), Constanze Friedel (Leslie Van Houten), Jule Oeft (Susan Atkins). Tobias Herzz Hallbauer spielt den Anwalt Vincent Bugliosi. Zusammen verkörpern sie mit Bass, Leadgitarre, Zweitgitarre sowie imaginärem Schlagzeug zudem die Beatles.
Auch wenn alle Schauspieler mit ihren Darbietungen überzeugen können, ist in diesem Zusammenhang insbesondere Jule Oeft hervorzuheben. Ihre Darstellung im blutigen Kleid lässt keinen Zweifel an einer psychischen Störung von Susan Atkins. Durch die immergleiche Wiederholung von einzelnen Szenen intensiviert sich dieser Eindruck. Es ist wie das Zurückspulen und Abspielen einer Filmszene, an der sich der sensationsgierige Zuschauer nicht sattsehen kann. Die Schauspieler verschmelzen mit ihren Rollen. Sie passen ihre Bewegungen und Kostüme sogar an die Originale der Manson Family an, welche zeitgleich in den Dokumentationsausschnitten zu sehen sind. Die Trennlinie zwischen Realität und Fiktion verwischt. Schade ist, dass Leslie Van Houten-Darstellerin Constanze Friedel etwas untergeht, da sie nur am Rande erscheint. Welche Rolle spielt sie? Manson Family-Mitglied Leslie oder Livemusikerin Constanze?

 

Treibende Stimmung

Passend zu diesem ganzen Wahnsinn, gibt die Kombination aus Licht, Musik und Sound ein gutes Zusammenspiel ab. Die Live-Geigenmusik ist gut auf die Hintergrundmusik abgestimmt. Die Bässe sind voll und einnehmend, dazu Stroboskoplicht und klarer, engelsgleicher Gesang. Irrsinn trifft auf Schönheit. Eine unheimliche, agressive und treibende Stimmung entsteht. Auf der Leinwand bunte Muster und Farben – ein Zustand der Trance und des Drogenrausches.

Popkultur der 1960er

Geschickt wurden Elemente der Popkultur der 1960er Jahre sowohl intertextuell als auch transmedial in die Inszenierung aufgenommen. Zum einen wurden musikalische Referenzen zu den Beatles integriert, was sich inhaltlich zweifellos auf Mansons Verehrung der Band bezieht, jedoch ebenfalls als transmediale Verknüpfung zu neuartigen Phänomenen wie der Beatlemania, Boygroups, Massenkonzerten, Liveübertragungen, Starrummel, allgemeiner Sensationslust, aber auch der damals gegenwärtigen rebellischen Jugendkultur verstanden werden kann. Andere Medienkanäle der Zeit (TV, Radio, Zeitung) sind somit indirekt präsent.
Weitaus offensichtlichere Transmedialität spiegelt sich im Originalfilmmaterial wider, das über den Röhrenfernseher flackert. Löste das Fernsehen in den 1960ern, als TV-Geräte für jedermann erschwinglich wurden, doch das Radio als führendes Unterhaltungsmedium ab. Auch wenn Gleichzeitigkeit im Zeitalter des Internets eine andere Bedeutung zuzuordnen ist, so wurden soziokulturelle Ereignisse durch das Fernsehen erstmals bildlich erlebbar – eine neue Form des Dabeiseins, Miterlebens, Mitfieberns war geboren.
Zum anderen wurde eher unterschwellig der Bezug zur High Society hergestellt, gegenüber welcher Manson Wut empfand. Ausschnitte aus „The Jet Set“, einer TV-Doku über den Alltag an Bord eines Jets sowie Jule Oeft als Sicherheitsanweisungen gebende Stewardess sollen den glamourösen Lifestyle der Schönen und Reichen präsentieren. Flugreisen galten in den 1960ern als Inbegriff für kosmopolite Freiheit sowie Unbeschwertheit – ein Konsumgut, welches insbesondere von Starlets sowie Industrieerben genutzt wurde, welche wiederum die Massenmedien als Bühne ihrer Selbstinszenierung in Beschlag nahmen.

Fazit

Insgesamt kann „The Manson Family” als anspruchsvoll aufgebaute Darbietung mit einem hohen Maß an kreativer Experimentierfreude bezeichnet werden. Hintergrundinformationen zum Manson-Prozess sind auf jeden Fall hilfreich, wenn man mit der Thematik nicht vertraut ist.
Die Macht der Medien, reale und fiktive Elemente miteinander zu kreuzen, und die Sensationsgier der Zuschauer nach Extremen zu stillen, wird vielschichtig inszeniert. Es lohnt sich auf jeden Fall, die Aufführung nicht einfach so zur Seite zu legen, sondern diese Trennlinien zwischen Fakt und Fiktion rückwirkend zu hinterfragen.
So fällt auch die Verbeugung der Schauspieler ungewöhnlich verhalten aus. Stecken sie noch in ihren Rollen, sind sie sich der Schwelle bewusst, haben sie gerade nur gespielt oder ist Moran der neue Manson, der Züchter einer neuen Sekte? Einer Theatersekte, die gerade noch auf der Hellerauer Bühne probt und im nächsten Augenblick schon mitten in unserem Alltag agiert?

 

Text von Birte Gemperlein und Gina Kauffeldt
Fotos von André Wirsing

Kategorien
Tanz und Theater

Tanzworkshop mit Joel & Ulysse von der Dresden Frankfurt Dance Company

Bon Iver, David Bowie, James Blake und Iggy Pop laufen im großen Saal des Festspielhauses Hellerau. Wir öffnen die Augen und lassen das Licht in uns, bewegen uns im Liegen in den Boden hinein und bewegen uns vor allem nach unseren Gefühlen, manchmal bewegt der Körper aber auch uns – wie das geht, haben wir von zwei Tänzern gelernt.

Die Workshopleiter

Joel und Ulysse geben jedem Teilnehmer des Tanzworkshops am 03. Dezember die Hand und stellen sich vor. Sie werden erst am Ende sagen, dass dies das erste Mal sei dass sie so etwas leiten, aufgefallen jedenfalls ist es keinem. Es sind nur 10 Teilnehmer, zwei Kinder unter ihnen, und die Hälfte ohne jegliche Tanzerfahrung. Englisch? Ulysse kommt aus Frankreich, wo er an der Ballettschule der Opéra national de Paris eine klassische Ausbildung erhielt, bis er 2014 nach Deutschland kam, um seine Ausbildung im zeitgenössischen Tanz zu fortzuführen. Joel, der wohl auffallendste unter den sehr charakteristischen Tänzern der Dresden Frankfurt Dance Company, kommt aus Australien, er sagt auf Deutsch, er könne nur ein bisschen Deutsch. Wir lachen zögerlich. Wie soll man sich Tänzern gegenüber verhalten?

Seinen Körper spüren

Wir gingen also auf die Tanzfläche, ein Kreis wurde gebildet. Hinlegen. Atmen. Spürt euren Körper, wie er reagiert. „Now move your legs.“ Schritt für Schritt bewegten wir jeden Teil unseres Körpers, „And now 10 seconds losing controll, okay? Just as much as you can, 10, 9, 8, …“ , was nach Spaß klingt, war ebenso Entspannung. Nach dem Liegen gingen wir in die „Doggy Position“, bewegten unsere Schultern, brachen zusammen, wiegten nach Hinten, Hüfte. Wir lösten unsere Hände vom Boden, und so kamen wir letztendlich nach und nach zum stehen- nach einem langen Prozess der eigenen Körperwahrnehmung. Man könnte es mit der Evolution vergleichen; wir fühlten uns gut.

 

Nachdem wir uns allein bewegt hatten, bestand die nächste Übung darin, die Tanzbewegungen eines Tanzpartners nachzuahmen- dabei übernahm nicht einer die Führung, sondern es entstand wie selbstverständlich eine gemeinsam ausgeführte Bewegungsabfolge, ohne sich abzusprechen, wann was passiert. Zugegeben, anfangs war viel Lachen dabei, immerhin öffnete man sich nun mit einer Person. Joel und Ulysse gaben dann Anweisung, sich nicht mehr nachzuahmen sondern sich nur noch voneinander inspirieren zu lassen. Mittlerweile tanzten wir alle verteilt auf der ganzen Bühnenfläche, als Joel sagt, wir sollen nun irgendjemand im Raum nachahmen. Und das taten wir. Stellenweise machten wir alle dieselbe Bewegung, wenn einer jemanden nachmachte, der ebenfalls schon jemanden nachahmte… es war ein Spiel, welches jedoch auch eine Ästhetik beinhaltete.

Zappeln, Klopfen und improvisieren

Danach fanden wir uns wieder in einem Kreis zusammen, lockerten noch einmal unseren Körper, bevor wir mit einer weiteren Übung zu zweit jeweils tanzen- oder zappelten: einer „klopfte“ sanft über den Körper des anderen, der sich nach Schnelligkeit und Heftigkeit des Klopfens bewegte. Eine Übung, die besonders den zwei Kindern gefallen hat.  Bevor wir den Höhepunkt des Workshops erreichten, sollte noch einmal jeder sagen, was ihm besonders gefallen hatte und was nicht. All die verschiedenen Bewegungen, die wir die letzte Stunde aktiviert hatten, sollten wir nun in einer zehn-minütigen Improvisationsperformance zeigen und kombinieren. Wir verteilten uns auf der Bühne, manche starteten liegend, manche stehend. Man versuchte, seinen Körper die Musik malen zu lassen, aber auch irgendwie in Zusammenspiel mit den anderen. Wie wir gelernt haben, ließen wir uns von unseren „Kollegen“ inspirieren, manchmal ahmten wir auch nach. Wie das wohl für Außenstehende gewirkt haben soll? Wie ein großes Durcheinander oder doch gewollt, künstlerisch, modern und schön? Während wir tanzten, stellte sich wohl keiner diese Frage, dafür haben uns Ulysse und Joel vorher schon in ein befreites Selbstbewusstsein geführt.

Eine kurze Abschlussrunde, alle sagen, dass es toll war. Befreiend, dass sie etwas gelernt haben. Sei es nun die Selbstwahrnehmung oder die Fähigkeit, mit anderen zu tanzen, nicht nur für sich allein. Jemand sagt, es wäre ein guter Yoga Ersatz, zweimal die Woche diesen Workshop und man sei ausgeglichen.  Die beiden fühlen sich geschmeichelt, sagen, sie haben auch etwas von uns gelernt und sich inspirieren lassen. Dass sie an einem Workshop Konzept arbeiten wollen.

Ein paar Tänzer der Dresden Frankfurt Dance Company kommen auf die Bühne und wärmen sich für das Training auf, während sich ein paar der Workshopteilnehmer noch Musiktipps von Ulysse und Joel geben lassen. Wie man sich Tänzern gegenüber verhalten soll? Die beiden haben sich das wohl auch gefragt: wie sollen wir uns nicht-Tänzern gegenüber verhalten? Während dieses Workshops sind wir alle gleich geworden, egal welchen Beruf wir hatten- und am Ende sind wir doch alle nur Menschen, die eines wollen: glücklich sein!

Merci beaucoup pour ce workshop!

Text von Bianca Kloß
Fotos von Sabrina Spurzem

Titelfoto: dresdenfrankfurtdancecompany.com